Die Siedlung Danziger Dorf (1936)

Vorgeschichte

Im Zuge der Besiedlung von Ostoberschlesiern ins "Reich" und zur gleichzeitigen Reduzierung der hohen Arbeitslosenquote in Danzig (damals Freistaat Danzig) wurden im gesamten Reichsgebiet Städte und Gemein- den angewiesen, sowohl für die Unterbringung als auch für die Schaffung von neuen Wohnungen für die Um- siedler zu sorgen. In diesem Zusammenhang entstand 1936 das Danziger Dorf am nördlichen Stadtrand Mag- deburgs, zwischen der Ebendorfer Chaussee und dem Magdeburger Ring, einem Teil des heutigen Stadtteils Kanne~stieg. Die Siedlung besteht aus nur drei Straßen: Loitscher Weg, Bertinger Weg und Wenddorfer Weg, wobei der Wenddorfer Weg eine halbbogenförmige Verbindung zwischen den anderen beiden Straen herstellt. Die ursprünglichen Straßenbezeichnungen (Langfuhrer Straße, Danziger Straße und Danziger Dorf) wurden 1951 ersetzt, auch der Name der Siedlung als Danziger Dorf durfte offiziell nicht mehr benutzt werden. Zur wirtschaftlichen Entlastung des damaligen Freistaates Danzig hatte sich die Stadt Danzig hauptsächlich an Industriezentren im Reichsgebiet gewandt mit der Bitte um Arbeitsbeschaffung für Danziger Arbeitslose. Angesichts der Besiedlungspolitik der Nationalsozialisten von Oberschlesiern ins Reich kam der Hilferuf aus Danzig nicht ungelegen. Es wurde daher beschlossen, in erster Linie verheiratete Arbeiter umzusiedeln, um die in Danzig zurückgebliebenen Familien so schnell wie möglich (nachdem die Wohnungsfrage geklärt worden war) nachkommen zu lassen und sie mit dem "Boden zu verwurzeln". Für die Besiedlung wurden besondere Mittel für Umzugskosten bereitgestellt, -Ausgabe von sog. Bedarfsdeckungsscheinen - wo die eigenen Mittel der Danziger nicht ausreichten. Während es dem Reich auf der einen Seite nicht schwer fiel, für die Danziger einen Arbeitsplatz zu beschaffen, erwies sich die Unterbringung der Familien als zentrales Problem für die Städte und Gemeinden, wobei es hierbei auch zu größeren Spannungen kam. Besonders für die Stadt Magdeburg bedeutete die Be- schaffung von Wohnraum für die Danziger ein höchst brisantes Thema. Magdeburg, ohnehin mit dem Problem der notorischen Wohnraumknappheit in der Stadt konfrontiert, sah dem Zuzug der Danziger mit großer Sorge entgegen und versuchte durch Anschreiben an verschiedene Stellen im Reich eine Besiedlung zu vermeiden. Durch eine Verfügung des Reichsarbeitsministers vom 30. September 1935 wurden die Landräte und Oberbürgermeister von Städten und Gemeinden angehalten, mit allen Mitteln die Wohnungssuche für die Danziger zu unterstützen:

"...In einzelnen Fällen, in denen es gelungen ist, Danziger Facharbeiter in Dauerstellungen unterzubringen, haben sich diese bereits Wohnung auf dem freien Wohnungsmarkt beschafft. Derartige Bestrebungen sind von allen beteiligten Stellen auf das nachdrücklichste zu unterstützen. Darüber hinaus kommt in erster Linie die Unterbringung in neu zu errichtenden Volkswohnungen in Frage. Schließlich wird auch in manchen Füllen die Ansetzung in Kleinsiedlerstellen möglich sein, soweit die Vorbedingungen dafür gegeben sind und die Familien, abgesehen von der Staatsangehörigkeit, die Voraussetzungen fr die Zulassung als Siedlungsanwärter für die Kleinsiedlung erfüllen(...). (An dieser Stelle wird die unterschiedliche Bedeutung zwischen Volkswohnung und Siedlerstelle besonders deutlich. Anm d. Autor). Mit der Ansetzung der Danziger Familien wird das Ziel erstrebt, sie dauernd im Reich zu halten. Es ist deshalb dringende Notwendigkeit, sie nur dort unterzubringen, wo aller Voraussicht nach eine dauerhafte Beschäftigung gewährleistet ist. Da nicht für alle Wechselfälle der Wirtschaft unbedingt Vorsorge getroffen werden kann, ist darauf Bedacht zu nehmen, da insbesondere solche Danziger zur Ansiedlung kommen, die eine verhältnismäßig hoch bezahlte Beschäftigung gefunden haben, so da ihnen auch dann, wenn wider Erwarten in absehbarer Zeit Arbeitslosigkeit eintreten sollte, so hohe Bezüge aus der versicherungsmäßigen Arbeitslosenunterstützung oder der Krisenfürsorge zufließen, da eine zusätzliche Hilfe der Gemeinden nicht nötig wird....In gleicher Weise wäre die Zahl der anzusiedelnden Familien festzustellen. Hierbei weise ich ausdrücklich darauf hin, da, soweit verheiratete Danziger bei zeitlich begrenzten Arbeiten - z.B. Reichsautobahn- untergebracht sind, sie nur dann in der Nähe ihrer jetzigen Arbeitsstelle angesiedelt werden können, wenn nach Aufhren dieser Arbeiten eine andere Beschäftigung zu erwarten ist. Es ist daher auch möglich, solche nur vorübergehend in Arbeit gebrachte Danziger gleichzeitig mit ihrer Umsiedlung in andere dauernde Arbeitsverhältnisse zu vermitteln. Der deutsche Gemeindetag wird an seine Landesdienststellen und provinziellen Dienststellen herantreten, um die Bereitwilligkeit der Gemeinden zur dauernden Aufnahme von Danzigern sicherzustellen. Zur Förderung der neu zu errichtenden Volkswohnungen oder Kleinsiedlungen werde ich besondere Mittel zur Verfügung stellen. Um die Finanzierung zu erleichtern und damit die Durchführung der Maßnahme zu beschleunigen, bin ich damit einverstanden, da das Darlehn sowohl für eine Volkswohnung als auch für die Kleinsiedlung bis zu 7.500 R M erhöht werden darf.

Hierzu kann bei kinderreichen Familien usw. ein Zusatzdarlehn ...hinzutreten. Die erste Hypothek in Höhe bis zu 50 v.H. des Bau- und Bodenwertes wird von der Preußischen Landespfandbriefanstalt gegeben werden. Auf diese Weise wird es möglich sein, die Neubauten durchweg ohne eine lb-Hypothek und ohne Übernahme einer Reichsbürgschaft zu finanzieren. Bei dieser Finanzierung wird sich auch die Miete (Belastung) noch niedriger als bei den sonstigen Vorhaben halten lassen und voraussichtlich keinesfalls 20 RM monatlich übersteigen. Jedenfalls wird auf einfachste, sparsamste und billigste Ausführung der Bauten (tunlich unter Einschaltung der Selbstund Nachbarhilfe) besonders Bedacht zu nehmen sein. Die mit den erhhten Reichsdarlehen geförderten Wohnungen und Kleinsiedlungen sollen der dauernden Unterbringung der aus Danzig bersiedelnden Familien dienen. Da von Danzig aus eine weitgehende Aufklärung insbesondere der zurückgebliebenen Familienangehörigen erfolgen wird, ist nicht zu besorgen, da etwa nach Fertigstellung der Wohnungen weniger Familien zugewiesen werden können, als Wohnungen oder Kleinsiedlungen für Danziger erstellt sind. Ebenso ist bei einem Freiwerden solcher Wohnungen oder Siedlungen infolge Wegzuges oder dergl. der ersten Wohnungsinhaber mindestens innerhalb der ersten fünf Jahre eine ziemliche Sicherheit dafür gegeben, da andere Danziger Familien eingewiesen werden können. Jedenfalls dürfen solche für Danziger erstellte Wohnungen oder Kleinsiedlungen, wenn sie in besonderen Ausnahmefällen wider Erwarten mit anderen als Danziger Volksgenossen besetzt werden müßten, nur mit Zustimmung des Präsidenten des Landesarbeitsamtes und der Bewilligungsbehörde an andere Familien vergeben werden. Die Reichsregierung legt entscheidendes Gewicht darauf, da die Maßnahme so schnell wie nur irgend möglich durchgeführt wird. Ich bitte daher, auch die übrigen Vorbereitungen hinsichtlich der Finanzierung, Übernahme der Trägerschaft usw. mit tunlichster Beschleunigung zu treffen und die erforderlichen Mittel bei mir anzufordern, ggf. auch zu berichten, welche Erleichterungen von den Vorschriften (z.B. hinsichtlich der Eigenleistung bei der Kleinsiedlung) geboten erscheinen..." (StAM, Rep 35, Hm 41).

Volkswohnungen
Volkswohnungen sind billigste Mietwohnungen in ein- odermehrgeschossiger Bauweise, die hinsichtlich Wohnraum und Bauweise uerste Beschränkung aufweisen. Einfachste Einfamilienhuser als Doppel- oder Reihenhuser mit Garten- oder Landzulage sollen vorzugsweise gefördert werden. Volkswohnungen sollen die unter besonders ungnstigen Wohnverhltnissen leidenden Bevölkerungskreise insbesondere der großen Städte, die nicht siedeln können oder wollen, aus ihren Mietkasernen und Notwohnungen befreien und sie - soweit möglich - wieder mit dem Grund und Boden verbinden. Der Bau von Volkswohnungen ist daher Aufgabe der Gemeinden ... Die Volkswohnungen sind als Ergänzung der Arbeitersiedlung gedacht und sollen Ersatz fr ausgesprochene Elendswohnungen sein. An Greund Ausstattung ist der einfachste Mastab anzulegen ....

(Quelle: Genzmer 1938)

Diese Verfügung des Reichsarbeitsministers löste bei Oberbrgermeister Markmann heftigen Protest aus und als im Jahr darauf ein ähnliches Schreiben die Unterbringung von ostoberschlesischen Rückwanderern im Reichsgebiet aus "staatspolitischen Gründen" dieselbe Gewichtung erhielt, versuchte Markmann aus wohnungspolitischen Gründen mit allen Mitteln den Zuzug von weiteren Schlesiern zu verhindern, obwohl die Stadt Magdeburg inzwischen mit dem Senat der Freien Stadt Danzig ein Abkommen unterzeichnet hatte, wonach arbeitslosen Danzigern in Magdeburg Arbeit und Unterkunft zugesichert wurden. Der OB schrieb an den Regierungsprsidenten von Sachsen-Anhalt: "...Nach obiger Verfügung soll die Beschaffung von Wohnungen für die im Bezirk angesetzten oberschlesischen Rückwanderer von allen Seiten nachdrücklich betrieben werden. Zur bevorzugten Unterbringung für zugezogenen Danziger wird das "Danziger Dorf" gebaut. Es wird nicht verkannt, daß die bevorzugte Unterbringung derOstoberschlesieraus staatspolitischen Gründen notwendig ist. In Verbindung hiermit muß aber auf die in Magdeburg herrschende und sich stetig steigernde Wohnungsknappheit hingewiesen werden. Nicht nur der Zuzug von Zuwanderem aus den Grenzländern oder abgetretenen Gebieten, auch die Verlegung großer Industrieunternehmen, die teilweise die Belegschaftmitbringen oder Facharbeiter nach hierziehen, verursacht die Steigerung der Wohnungsknappheit. Auch die Verstärkung der Militärbehörden trägt zur Steigerung bei.


Blick in die Siedlung Danziger Dorf, Aufnahme 1937 (StAM) und 1996

Unzählige alteingesessene Magdeburger Familien haben noch keine Wohnung, wohnen in unwürdigen Unterkünften oder sehr beengt für hohe Bezahlung in Untermiete. Andere Magdeburger Familien, die durch Abbruch der Wohnungen (Brückenbau, Apfelstraße usw.) ihre Wohnungen verlassen müssen, können keine Wohnung erhalten und mssen z. T. in Obdachlosenunterknften untergebracht werden. Für all diese Familien würde es eine große Härte bedeuten, wenn Zugezogene bevorzugt in guten Wohnungen untergebracht werden und sie dadurch fast keine Aussicht auf Erlangen einer Wohnung haben. In Anbetracht der vorstehend geschilderten Verhältnisse bitte ich dahin zu wirken, da ein Zuzug von Rückwanderern aus Polnisch-Oberschlesien nach Magdeburg soweit als möglich eingeschränkt wird, da eine Gewähr für eine baldige Wohnungsbeschaffung nicht bernommen werden kann. "(StAM, Rep. 35,Hm 41).

Gleichzeitig hatte die Stadt beim Landesarbeitsamt in Erfurt die Rückführung von Danzigern durch das Arbeitsamt in Magdeburg beantragt. Es handelte sich hierbei um solche Danziger, welche den "Eignungstest" der N.S.Volkswohlfahrt zwecks Zuteilung einer Wohnung nicht bestanden hatten. Doch beide Anträge wurden unmiverständlich abgelehnt: "Nachdem sich die Notlage der Stadt Danzig auch weiterhin verschrft hatte, kann ihre fühlbare Entlastung nur dadurch erzielt werden, dass eine möglichst grosse Zahl verheirateter Danziger endgültig ins Reich übersiedelt. Die Arbeitsmter sind daher auch angewiesen, sich den Fragen der Wohnungsbeschaffung sowohl des Volkswohnungsbaues für Danziger besonders anzunehmen und mit den Kommunalbehörden zur Regelung dieser Angelegenheit in Verbindung zu treten, In Anbetracht dieser ausserordentlichen staatspolitischen Bedeutung der Übersiedlung von Danzigern in das Reich bin ich daher nicht in der Lage, die Rückkehr der von Ihnen aufgeführten Danziger Volksgenossen ... zu veranlassen. Lediglich der unter Nr. 2 genannte G. erscheint für die Unterbringung in einer geschlossenen Danziger Siedlung ungeeignet. Was die Unterbringung von Ostoberschlesiern anbelangt, wird dem Arbeitsamt Magdeburg voraussichtlich keine grössere Zahl mehrzugeteilt werden, da das vorgeschriebene Kontingent bereits erfüllt ist." (StAM,Bp 35, Hm 41).

(Was die Auswahl der Siedlungs- und Volkswohnungenbewerber im Dritten Reich angeht, so befinden sich unter den Akten des Stadtarchivs Magdeburg auch traurige Dokumente jener unmenschlichen Auswahlverfahren der NS Volkswohlfahrt, deren Zitieren ich an dieser Stelle für ungeeignet halte.) Ungeachtet der Protestschreiben aus Magdeburg kamen in dieser Zeit ungefhr 500 Arbeitsuchende in die Stadt; viele von ihnen fanden Arbeit beim Bau der Autobahnstrecke Berlin-Hannover, des Mittellandkanals und des Schiffshebewerks Rothensee, andere wurden den Grobetrieben der Schwerindustrie (Krupp Grusonwerk und Hugo Junkers) zugeteilt.

Baugeschichte

Anfang 1936 wurde der Bau des "Danziger Dorfes" in Magdeburg in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt Danzig und dem Reichsarbeitsministeriums geplant, Bau- und Lageplne wurden erstellt, geändert und abgesegnet, der staatliche Zuschu an den Regierungspräsidenten von Sachsen-Anhalt berwiesen. Die anfänglich gedachte Finanzierung durch die Preußische Landespfandbriefanstalt konnte nicht erfolgen, "da diese Anstalt z.Zt. Schwierigkeiten im Absatz ihrer Pfandbriefe habe und da auch die Gelder der Landespfandbriefanstalt zu teuer für diesen Bau seien, da das Geld ja nur mit 94 ausgezahlt wrde, also ein Disagio von 6 % für diese Wohnungen untragbar sei." (StAM, Bp 35, Hm 41). Für den ersten Baubeginn standen 300.000 RM sofort zur Verfügung, und das Hochbauamt wurde zur Eile angewiesen, die vorgeschlagenen Änderungen der Pläne durchzuführen, da bereits der Termin zum ersten Spatenstich zum Danziger Dorffeststand. Am 4. April 1936 sollte der Senatsprsident der Freien Stadt Danzig, Pg. Greiser, in der Magdeburger Stadthalle sprechen. Am folgenden Tag sollte der erste Spatenstich erfolgen. (Unter diesem Protokoll steht folgende Anmerkung von OB Dr. Markmann: "..Ein Spatenstich ist bisher von mir nicht angeordnet und findet auf keinen Fall statt.") (StAM, Bp 35, Hm 41).

Ein erster Lageplan mußte abgeändert werden, da eine Bebauung an der Ebendorfer Chaussee als ausgewiesene Reichsstraße nicht genehmigt wurde.

Das Bauvolumen umfaßte 188 Volkswohnungen. Um einen mit Linden umgebenen Dortplatz entstanden 23 Doppelhäuser mit je vier Wohnungen, 11 Reihenhuser mit je acht Wohneinheiten und im Anschluß an das Gemeinschaftshaus mit original Danziger Vorlaubenhaus ein größeres Wohnhaus. Zu jeder Wohnung gehören ca. 200 qm Gartenland, einst zum Anbau von Obst und Gemüse gedacht. Die Reihenhuser haben keinen direkten Zugang zu den Gärten; um zum Stall oder Abort zu gelangen, mußten die Bewohner der innenliegenden Häuser an den auenliegenden vorbeigehen. Die Wohnungen wurden an die Danziger zu einem günstigen Mietzins von 25 RM vermietet. Nach einem Zeitraum von ca. drei bis fünf Jahren sollten "diese Volkswohnungshäuser an siedlungswillige und siedlungswürdige Bewohner zu eigen oder in Erbpacht" abgegeben werden. (StAM, Bp 35, Hm 41) Tatsächlich aber gingen die ersten Häuser erst 1988/89 in Privatbesitz über.


Bertinger Weg, Aufnahme 1937 (StAM) und 1996
 

Wenddorfer Weg, Aufnahme 1937 (StAM) und 1996
Miete

Im Kleinsiedlungsverfahren werden bei Gruppensiedlungen ... die einzelnen Stellen den Inhabern zunächst miet(pacht)weise überlassen. Nach "dreijähriger Probezeit" ... findet die Übertragung der Grundstücke an die Siedler statt, sofern sie die Stellen während dieser Zeit ordnungsmäßig bewirtschaftet und sich auch sonst als Kleinsiedler bewährt haben. Die Miete (Pacht) whrend der 3jährigen Probezeit entspricht der Belastung der Stelle einschl. des etwa zu zahlenden Pachtzinses für Grund und Boden und eines Betrages von 1 v.H. der Gesamtbau- und Einrichtungskosten. ... Bei Volkswohnungen und Arbeiterwohnstätten sind gleichfalls Höchstsätze vorgeschrieben, die nicht überschritten werden dürfen...

(Quelle: Genzmer 1938)
 

Mit dem Bau der Siedlung wurde im Juli 1936 begonnen, am 5. November wurde das Richtfest für die ersten Häuser gefeiert: "Im nördlichen Stadtrandgebiet Magdeburgs, an der Ebendorfer Chaussee, fand das Richtfest für die ersten Häuser des "Danziger Dorfes", einer Großsiedlung der Stadtverwaltung, statt. Es handelt sich um eine Siedlung, die Danziger Volksgenossen eine neue Heimat werden soll. Die Siedler waren in Danzig jahrelang arbeitslos und können jetzt in Magdeburg wieder in den Arbeitsprozess eingegliedert werden. Sie sollen nicht verstreut in der Stadt, sondern ihrem völkischen Charakterentsprechend in einer geschlossenen Großsiedlung wohnen. Dieser Aufgabe, der ersten ihrer Art überhaupt, wird die architektonische Lösung vollkommen gerecht, die vor allem den ländlichen Charakter des "Dorfes" bewahrt... Zum feierlichen Richtfest waren Vertreter des Freistaates Danzig nach Magdeburg gekommen, so der Vizepräsident des Danziger Senats, Huth, Staatsrat Dr. Schimmel und Landesarbeitsamtleiter Gabriel. Auch die 190 Danziger Familien, die in Magdeburg Arbeit und Brot gefunden haben, wurden durch Oberbürgermeister Dr. Markmann willkommen geheißen. Bereits am 15. November können die ersten 32 Wohnungen bezogen werden."
(Hamburger Fremdenblatt vom 5. November 1936)

 
Baubeschreibung:
Raumlage:

23 Doppelhäuser für je 4 Wohnungen
11 Reihenhäuser für je 8 Wohnungen
1 Reihenhaus im Anschluß an das Gemeinschaftsgebäude für 8 Wohnungen, zusammen 188 Wohnungen.
Im Gemeinschaftsgebäude sind untergebracht:
1 Gaststätte mit Verkaufsraum und auerdem 2 Wohnungen.
In jedem Haus ist im Erdgeschoß eine Wohnung, bestehend aus Wohnküche und 2 Schlafräumen, im ausgebauten Dachgeschoß eine Einliegerwohnung mit Wohnküche und 2 Schlafräumen vorgesehen. Der ber der Kehlbalkenlage des Dachgeschosses vorhandene Raum soll als Bodenraum genutzt werden. Im Keller sind Waschküche und Vorratsräume untergebracht.

Technische Anlage:

Hohlsteinbauweise

Dach:

Steildach mit Pfanneneindeckung

äußere Wandflächen:

Putz rauh nach Muster

innere Wandflächen:

Putz mit Leimfarbenanstrich

Decken:

über den Kellerräumen Hohlsteindecken zwischen I_Trägern. Geschoßdecken: Holzbalken mit Schutzantsrich gegen tierische und pflanzliche Schädlinge, Ausstakung mit Sandfüllung auf Dachpapplage, unterseitig Rphrdeckenputz auf Schalung, Leimfarbenanstrich

Fußböden:

Wohnräume und Dachboden: Dielen, in den Wohnräumen lasiert und lackiert
Flur: Kunststeinplatten
Waschküche: Beton mit Zementestrich

Treppen:

gestemmte Holztreppen ohne Setzstufen. Untersicht geschalt, gerohrt und geputzt.
Eingangsstufen: Stampfbeton mit Glattanstrich

Türen:

Eingangstüren: Rahmentüren mit aufgelegten gespundeten Brettern.
Innentüren: Gestemmte Dreifüllungstüren mit Futter und Bekleidung, Einsteckschlösser, Ölfarbanstrich.

Fenster:

einfache außenliegende Holzfenster mit Ölfarbenanstrich.

Beleuchtung:

elektrisch

Heizung:

Siedlungsherd mit Grude in der Wohnküche

Frischeasser:

Brunnenanlage

Abwasser:

Kanal für Wegeentwässerung und Waschwasser. Fäkalien und Schmutzwasser werden im Garten verwendet.

Nebenanlagen:

Trockenaborte mit Torffüllung werden in Verbindung mit den Stallgebäuden außerhalb der Gebäude errichtet. Die Stallgebäude werden in Holzfachwerk mit äußerer Stülpschalung hergestellt. Die inneren Fachwerkwände erhalten Schwemmsteinausmauerung, Steildach mit Pfannendeckung; Fußboden wird mit Beton und Zementestrich, Stallboden erhält Rauhspunddielung, Brettertüren mit Quer- und Strebeleisten, einfache Stallfenster aus Holz.

Bauherr:

Vereinigte Bauverwaltung, Hochbauamt

Baukosten:

526.201,44 RM (aus der Bauakte)

In der Siedlung begegnet man folgenden Haustypen:
Typ I:

Doppelhaus mit 4 Wohnungen,

Typ II:

4 Reihenhäuser mit 8 Wohnungen, Grundrisse identisch

Typ IIa:

2 Reihenhäuser mit 4 Wohnungen, Grundrisse spiegelverkehrt

Typ IIb:

2 Reihenhäuser mit 4 Wohnungen, Grundrisse identisch

Typ IIc:

Doppelhaus mit 4 Wohnungen. Die Hauseingänge liegen wegen der Ecklage des Grundstücks sowohl im Loitscher Weg wie auch im Wenddorfer Weg.

Typ IId:

4 Reihenhäuser mit 8 Wohnungen, Grundrisse spiegelverkehrt

 

Model Danziger Dorf (StAM)


Eine Zeichnung aus dem Jahr 1935 für das Danziger Dorf,
die Aufteilung der Häuser wurde jedoch nicht in dieser Form übernommen. (StAM)
 

Luftschutzrume waren 1936 noch nicht zwingend vorgeschrieben. Der Dorfteich, der im Falle eines Feuers als Löschteich dienen sollte, hätte wegen der beträchtlichen Längenausdehnung der Siedlung nicht genügt, so daß auch aus Luftschutzgründen die Anlage eines Feuerlöschbrunnens an der südlichen Randstraße der Siedlung empfohlen wurde. (Ein Teich wurde nie angelegt.) Erst 1938 wurde das Gemeinschafthaus nachträglich mit einem Luftschutzkeller versehen, welcher jedoch nur fr 60 Personen den vorgeschriebenen Mindestluftraum von 3 cbm gewährleistete.
Der Anschluß an die städtische Wasserleitung, im Gegensatz zur Kleinsiedlung immer beim Bau von Volkswohnungen garantiert, konnte im Danziger Dorf wegen "Schwierigkeiten in der Abwasserunterbringung" nicht erfolgen.

 

Siedlung Danziger Dorf mit Vorlaubenhaus. (StAM)
 
Das Vorlaubenhaus

Das Vorlaubenhaus, erst 1938 nach dem Vorbild eines Danziger Vorlaubenhauses errichtet, wurde als Gemeinschaftshaus für die Bewohner des Danziger Dorfes geschaffen. Gemeinsam mit dem gegenüberliegenden einstigen Dorfanger bildet es das Zentrum der Siedlung. Die vorgesetzte Bruchsteinmauer wurde mit den Wappen der Städte Magdeburg und Danzig versehen und als Gedenksttte verstanden.
Das Gemeinschaftshaus enthielt neben einem "Kolonialwarenladen" und der Gastwirtschaft einen mit der Gastwirtschaft verbundenen Gemeinschaftsraum für Versammlungen aller Art, "für die Frauenschaft und die Hitlerjugend u.s.f." (laut Baubeschreibung in der Bauakte). Im Obergeschoß war je eine Wohnung für den Gastwirt und für den Kaufmann vorgesehen. Vier Reihenhäuser mit je 2 Wohnungen schließen sich nach Norden an.

 

Das Vorlaubenhaus im Jahr 1939. (StAM)
 

Das Vorlaubenhaus im Bau. (StAM)
 

Vorlaubenhaus 1941. (StAM)
 
Siedlungsgeschichte

Keine andere Siedlung aus dieser Zeit ist in Magdeburg so gut dokumentiert wie das Danziger Dorf, was nicht zuletzt auf die besondere Bedeutung dieser Siedlung zurückzuführen ist. Gebaut unter dem Aspekt höchster staatspolitischer Bedeutung verfolgte die Öffentlichkeit von Anbeginn ihrer Planung die Siedlung mit besonderem Interesse. Bis heute ist das Danziger Dorf in Magdeburg die größte Siedlung für Danziger auerhalb ihrer ursprünglichen Heimatstadt geblieben. Trotz der zahlreichen politischen Umwälzungen, welche die Siedlung in der Zeit ihres 60-jährigen Bestehens erlebt hat, weist sie eine gewisse Beständigkeit auf, was nicht zuletzt daran liegt, da viele Bewohner ihrem "Dorf" treu geblieben sind. Inzwischen wohnt die dritte Generation in den Häusern ihrer Großeltern. Lebendiger und anschaulicher als jede Schriftquelle es vermag erzählten sie mir an einem Nachmittag im einstigen Gemeinschaftshaus, der heutigen Gaststätte "Insleber Krug", Geschichten aus ihrer Siedlung. Rainer Chill, Vorsitzender der Siedlersparte Nord und Bewohner des Danziger Dorfes, hatte das Treffen mit ungefähr 20 Bewohnern der Siedlung ermöglicht, die hier von Anfang an wohnen. Ausgerüstet mit alten Fotos, Dokumenten und Erinnerungen schilderten sie ihre Eindrücke und Erlebnisse:

 

Danziger Dorf, dieses Siedlerhaus ist fast original erhalten. (StAM)
 

Bei den Männern, die aus Danzig kamen, handelte es sich in den meisten Fällen um Facharbeiter wie Zimmerleute, Schlosser und Werftarbeiter, die fast alle zum Bau der Autobahn Hannover - Berlin in Hohenwarthe bei Magdeburg eingesetzt wurden. Nachdem ihnen eine Wohnung im Danziger Dorf versprochen worden war, ließen sie ihre Familien nachkommen. Den Frauen fiel es außerordentlich schwer, ihre Heimat in Danzig zu verlassen, aber sie hatten keine andere Wahl. Mit vielen Kindern und wenig Umzugsgut kamen sie in Magdeburg an, wo sie feststellen mußten, daß die "schöne Wohnung", die ihnen versprochen worden war, noch nicht fertiggestellt war. Zum Übergang, und dieser dauerte oft bis zu einem Jahr, wurden sie in Behelfsbaracken in Rothensee untergebracht, ein Umstand, der die Eingewöhnung in der neuen Umgebung auf eine harte Probe stellte.
Aber selbst als die Wohnungen in der Siedlung Danziger Dorf zum Einzug freigegeben wurden, gab es oft noch lange keinen Grund zum Jubeln. Viele zogen im Winter 1937 ein. In den Häusern fehlten noch Türen und Fenster, die von den Bewohnern erst provisorisch angefertigt werden mußten, und wer kein Material hatte, mußte auch schon einmal mit einer Matratze die Haustür ersetzen.
Wie in vielen anderen vorstädtischen Siedlungen war auch hier der Weg zur Schule und zum Einkaufen lang und beschwerlich. Dennoch zeugen Fotos und Erzählungen davon, daß die Bewohner im Laufe der Zeit im Danziger Dort ein neues Zuhause gefunden haben und eine gute Nachbarschaft pflegten.
Wenngleich die Danziger Familien auf der einen Seite von großem Glück sprechen konnten, da ihnen die Stadt eine eigene Siedlung mit neugebauten Wohnungen zur Verfügung stellen konnte, so war auf der anderen Seite das Leben in diesen Wohnungen nicht einfach. Anfang 1938, knapp eineinhalb Jahre nach dem Einzug in das Danziger Dort wurde seitens der städtischen Behörden folgender Bericht abgefaßt:

Bericht ber die Erfahrungen beim Danziger Dorf.
Die Grundrißgestaltung der Wohnungen hat nicht den ungeteilten Beifall der Mieter gefunden. Vielfach wird, insbesondere bei Familien mit Kindern, der als Wohnküche eingerichtete Raum als Aufenthaltsraum benutzt und die Küche ist in einen kleinen Raum verlegt worden.
Durch diese Umlegung haben die Mieter für die Rauchabführung Lösungen gefunden, die ich zum größten Teil schon beanstandet habe. Auch die als Schlafzimmer vorgesehenen Räume, in denen die Betten hintereinander gestellt werdert müssen, sprechen nicht an. Von der oberen Wohnung ist ein Raum als gesondert gelegenes Zimmer eingerichtet. Familien mit Kindern, insbesondere mit kleinen, haben den Wunsch ausgesprochen, dass diese Zimmer durch eine besondere Tür mit den übrigen Räumen der Wohnung verbunden werden sollte, weil sich dann die Kinder besser beaufsichtigen lassen.
Nach meinen Beobachtungen ergibt sich die anderweitige Benutzung der Räume häufig dadurch, dass die Wohnungen mit ganz unzweckmäßigen Möbeln, die heute noch von der Möbelindustrie hergestellt werden, bezogen werden. (Eine Reihe von Mietern konnte sich durch die ihnen für den Umzug gezahlten Entschädigungen teilweise ihren Hausrat ergänzen oder neu anschaffen.) Den hierdurch entstehenden Anforderungen sind natürlich die Raum- und Grundrissverhältnisse nicht angepasst. Ich habe die Mieter darauf hingewiesen, dass sie für den Fall einer Ergänzung ihres Hausrates sich Möbel anschaffen sollten, die den Richtlinien für Siedlermöbel entsprechen.
Die in den oberen Räumen liegenden Dachschrägen sind sehr beanstandet worden. Insbesondere wurde es als sehr nachteilig empfunden, dass die Dachschrägen soweit herabgeführt worden sind und dadurch das Aufstellen von Möbeln an den Aussenwänden vielfach in Frage gestellt wird.
(StAM, Rep 35 Hm 41, S. 56 ff.)

 
Hausrat für Kleinsiedlungen.

Die wirtschaftliche Haushaltsführung der Kleinsiedler erfordert die Verwendung zweckmäßigen und technisch einwandfreien Siedlerhausrats, der nach Preis und Größe den Verhältnissen der minderbemittelten Volkskreise und den Raumverhältnissen ... angepat ist. Das Reichsheimstättenamt der Deutschen Arbeitsfront hat Richtlinien für Siedlerhausrat, insbesondere für Möbel, im Einvernehmen mit Handwerk, Industrie und Handel herausgebracht, desgl. eine Veröffentlichung "Deutscher Hausrat"....

(Quelle: Genzmer 1938)
 

Im Krieg wurde ein Teil der Siedlung schwer beschädigt und zum Teil zerstört. Bei einem Luftangriff wurde das Vorlaubenhaus getroffen; 38 Menschen starben im darunterliegenden Luftschutzkeller. Als viele Danziger 1945 ihre Heimat über Nacht verlassen mußten, kamen etliche von ihnen auch nach Magdeburg und in Danziger Dorf zu Bekannten und Verwandten.
In den folgenden Jahren begannen die Bewohner sich versträkt um ihre Siedlung zu kümmern. Unter schwierigen Bedingungen haben sie schrittweise ihre Siedlung in die Moderne geführt und sie den heutigen Bedürfnissen angepaßt Zunächst besorgten sich die Siedler aus den Trümmern der Umgebung Material und bauten das Gemeinschaftshaus und andere zerstörte Häuser ihrer Siedlung wieder auf.
Da die meisten Brunnen der Siedlung aufgrund der fehlenden Kanalisation verseucht waren, wurde eine Änderung der Abflußanlage notwendig; für die Entwässerungsanlage machten sich die Siedler selbst Anfang der Sechziger Jahre an die Arbeit.

Schreiben der Gesundheitsverwaltung an das Tiefbauamt vom Februar 1946:

Betr.: Brunnenanlage Danziger Dorf

Nachdem im September vorigen Jahres im Danziger Dorf einige Typhuserkrankungen aufgetreten waren, entstand der Verdacht, dass die Epidemie durch verunreinigtes Trinkwasser verursacht sein könnte. Die Nachprüfung.. .ergab, daß tatschlich mehrere Brunnen stark verunreinigt waren. Auf Grund des Ergebnisses unserer bakteriologischen Untersuchung des Wassers wurden die Brunnen vor (einigen)... Häusern seinerzeit gesperrt.
Nach dem Bericht...selbst die Brunnen selbst technisch einwandfrei gebaut, stehen allerdings in landwirtschaftlich genutztem Gelände, und der Abfluß ist durchaus unhygienisch angelegt, indem das ablaufende Wasser nicht sofort vom Brunnenzuzugsgebiet abgeleitet, sondern erst in einem Gully-Eimer aufgefangen wird. Um eine Verunreinigung zu vermeiden, müßte die Ableitung zuerst oberirdisch und dann unterirdisch geschehen. An den Brunnen wird gespült und laufend Schmutzwasser ausgegossen. Um weitere Verunreinigungen der Brunnen auszuschliessen, ist eine grundsätzliche Änderung der Abflussanlagen notwendig...
(Aus den Bauakten)

Ebenfalls in Eigenarbeit wurde in den achtziger Jahren eine Bewässerungsanlage gebaut, Fußwege gepflastert und sogar ein Spielplatz auf dem ehemaligen Dorfanger errichtet. Hinter dem Gemeinschaftshaus bauten die Siedler einen Geräteraum und kauften nach und nach Werkzeug und Geräte, die allen Bewohnern nach Bedarf zur Verfügung standen, darunter einen Betonmischer, Rasenmäher, Leitern und eine Werkbank. Sogar für Feste können heute noch Bierzelte, Bänke und Geschirr unentgeltlich ausgeliehen werden. Der eigentliche Grund dafür, weshalb das Danziger Dort bis heute viel von seinem ursprünglichen Charakter beibehalten hat, liegt nicht zuletzt in dem großen Zusammenhalt der Siedler selbst, für die das "Dorf" noch heute ein Stück Heimat bedeutet und weshalb sie ihre Siedlung die ganzen Jahre hindurch ungeachtet der politischen Umwälzungen seit jener Zeit mit großem Zeit- und Arbeitsaufwand, Eifer und Liebe gepflegt und gehegt haben.

 

Geselliges Treffen der Siedler im Vorlaubenhaus. Im Hintergrund die Danziger Flagge.